Bundeswehr steigt bei 96 aus

Nachdem die Bundeswehr jedes jahr massiver die Bühne Stadion für sich nutzte (siehe hier und hier und hier), scheint sich zumindest bei hannover 96 eine Trendwende abzuzeichnen. War der ehemalige Erstligist und jetzige Spitzenreiter der zweiten Liga Vorbild für die Zusammenarbeit von Militär und Sport, verschwand das Bundeswehrlogo zum Saisonbeginn still und heimlich von der Sponsoringtafel, verzichteten die Krieger auf Werbung im Stadionmagazin.

Diese Veränderung – sofern sie sich offiziell bestätigt – ist sicher auch ein Erfolg des andauernden Protestes gegen Militärwerbung in Stadien. Zumindest dürfte es die Entscheidung erleichtert haben. Ob der Abstieg ein weiterer Grund war (was viel über Loyalität und Zusammenhalt, zwei zentrale Attribute, die die Bundeswehr sich selber gerne gibt, aussagen würde) oder wir es hier mit einem grundsätzlichen Strategiewechsel zu tun haben, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall ist es ein Erfolg für die Friedensbewegung, die sich der schleichenden Militarisierung in der Zivilgesellschaft entgegensetzt.

 

Nachtrag: Auch beim Rostocker FC, beim Berliner AK 07 und bei Union Berlin ist die Bundeswehr von der Homepage verschwunden.

Bundeswehr aus dem Stadion kicken!

De DFG-VK Hannover verteilt am Samstag, den 26.11.2014 Flyer gegen Werben fürs Sterben im Fußballstadion.

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Hier gibt es den Flyer und hier ist der Text:

Ein smartes Lächeln, ein Werbespot für Technik – so sieht die Werbung der Bundeswehr im Stadion aus. Die tatsächliche Realität des Soldat-Seins taucht darin nicht auf: Mittlerweile muss jede und jeder, die oder der sich als Soldat verpflichtet, zum Militäreinsatz ins Ausland. Etwa aus Jugoslawien und Afghanistan kehrten viele traumatisiert zurück.

Fußball-Spielen soll eigentlich etwas anderes sein als soldatische Ertüchtigung. Fußball macht Spaß oder regt auf. Aber mit Töten hat er nichts zu tun – und soll er nichts zu tun haben. Und daher soll auch keine Bundeswehr ins Stadion – nicht mit ihren Trucks und nicht mit ihrer Werbung!

Während andere Clubs sich dem Sponsoring durchs Militär verweigern geht 96 unter Martin Kind voran und lässt damit den gesamten Verein politisch instrumentalisieren. Seit 2011 stellt der Verein Werbebanden zur Verfügung, werden Videospots ausgestrahlt und wird das offizielle Stadionmagazin mit ganzseitiger Werbung des Militärs gefüllt.

Dabei hat die Kooperation Pilotcharakter. Bei keinem Bundesligisten war das Militär solange aktiv. Außer Hannover gab es bisher nur einjährige Kooperationen mit dem HSV aus Hamburg, Hertha BSC und dem Club aus Nürnberg. Hat die Bundeswehr 2012 noch 22.000 EUR für diese Werbung gezahlt, stiegen inzwischen die Erlöse für 96 auf 65.000 EUR jährlich an. Das ausgerechnet Hannover voranschreitet ist kein Zufall.
Schon seit Jahren fällt Martin Kind durch besonders militärfreundliche Gesten auf. So finden seit Jahren die Neujahrsempfänge der 1.Panzerdivision im Niedersachsenstadion statt. Im März 2011 verteilte Martin Kind am Rande eines Spieles gegen Gladbach gelbe Schleifen – dem von bundeswehraffinen Gruppen herausgegebenen Symbol für Solidarität mit der „Truppe im Fronteinsatz“. Kind maßte sich an, in diesem Zusammenhang für alle Fans von Hannover 96 die Unterstützung für Kriegseinsätze auszusprechen- Er nannte dies: „für ein friedliches Miteinander“ werben.
Seit der Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht ist die Bundeswehr massiver und aggressiver bemüht, unter Heranwachsenden und Jugendlichen Soldaten und Soldatinnen zu werben. Dabei widerspricht dies sogar der Intention der UN-Kinderrechtskonvention, die gerade vermeiden will, dass das Militär unter Minderjährigen werben darf. Die Bundeswehr stellt sich hingegen gern als eine Art Abenteuerspielplatz dar, wirbt mit „Action Camps“ in der BRAVO – und im Sport.

Aber: Wer sich einmal als Soldat verpflichtet hat, kommt in der Vertragslaufzeit (zum Beispiel 18 Jahre) nicht mehr so leicht aus der Bundeswehr raus. Nur mit juristischer Hilfe und „Kriegsdienstverweigerung aus dem Dienst heraus“ kann dies dann noch gelingen. Wie überblickt man im Alter von 18 Jahren die nächsten 18 Jahre? Frisch verliebt, ein eigenes Kind unterwegs, verändert oft die ganze Lebensplanung. Viele Soldaten versuchen etwa der Bundeswehr den Rücken zu kehren, wenn sie ein eigenes Kind bekommen haben – sie können sich dann oft nicht mehr vorstellen, auf andere Menschen zu schießen. Doch der Ausstieg ist nur ganz schwer möglich.

Das ist ein Problem. Es spricht auf jeden Fall gegen allzu leichtfertige Werbung, bei der mit Karriere und Technik geworben wird. Aber vor allem sollte Sport frei sein – frei von politischer Instrumentalisierung, frei von den nächsten Kriegsschaulätzen.

DFG-VK fordert mit Aktionen Hannover 96 zur Beendigung der Militärwerbung auf

vom 24.11.2014

Zum Start der Kampagne gegen Bundeswehrwerbung in Stadien erklären die Sprecher_innen der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) der Ortsgruppe Hannover:

Seit der Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht ist die Bundeswehr massiver und aggressiver bemüht, sich als normale Arbeitgeberin zu präsentieren. Sie wirbt verstärkt in der Zielgruppe der Heranwachsenden und Jugendlichen um Soldaten und Soldatinnen. Damit verstößt sie gegen die Intention der UN-Kinderrechtskonvention, die gerade vermeiden will, dass durch das Militär unter Kindern und Jugendlichen rekrutiert wird.

Fußball-Spielen soll eigentlich etwas anderes sein als soldatische Ertüchtigung. Fußball macht Spaß oder regt auf. Aber mit Töten hat er nichts zu tun – und soll er nichts zu tun haben. Und daher soll auch keine Bundeswehr ins Stadion – nicht mit ihren Trucks und nicht mit ihrer Werbung!

Während andere Clubs sich dem Sponsoring durch das Militär verweigern, geht Hannover 96 unter Martin Kind voran und lässt damit den gesamten Verein politisch instrumentalisieren. Seit 2011 stellt der Verein der Bundeswehr Werbebanden zur Verfügung, werden Videospots ausgestrahlt und wird das offizielle Stadionmagazin mit ganzseitiger Werbung des Militärs gefüllt. Gezielt nutzt die Bundeswehr gemeinschaftliche emotionale Elemente, um für sich zu werben. In Hannover geschieht dies inzwischen auch mit der Verleihung des Status „official supplier“.

Wir fordern den Verein auf, die Kooperation sofort zu beenden! Wir starten mit einer Flugblattkampagne, mit der wir auf die Verquickung von Sport und Militär aufmerksam machen. Wir laden alle im Umfeld des Bundesligisten Aktiven ein, sich mit uns gegen die zunehmende Militarisierung des Sports einzusetzen. Nur ohne Militär geht: Fair Play!

Der Schuss aufs Ziel – die Bundeswehr, das Schlachtfeld und die Fußball-Stadien

Die Bundeswehr hat ein neues Feld für Nachwuchsrekrutierung entdeckt und mit drei Bundesligisten perfekte Partner gefunden. Widerstand dagegen findet noch nicht statt.
Seit der Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht ist die Bundeswehr massiver und aggressiver bemüht, sich als normale Arbeitgeberin zu präsentieren. Sie verstärkt die Bemühungen in der Zielgruppe der Heranwachsenden und Jugendlichen Soldaten und Soldatinnen zu werben. Auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Ulla Jelpke vom Januar 2010 räumte die Bundesregierung ein, dass die Bundeswehr mit 27 Sportvereinen Kooperationen zur Personalwerbung abgeschlossen habe, die von Testspielen, bis zu Bandenwerbung reiche. Inzwischen dürfte die Militarisierung des Sportlichen einige Vereine mehr betreffen. Neben dem Versuch, an Schulen Fuß zu fassen und prominent Adventure-Camps zu veranstalten (die und deren Werbeschaltungen in Jugendzeitungen zuletzt heftig in der Kritik standen), eröffnet sich die Bundeswehr mit den Sportvereinen eine neue und bisher kaum beachtete Werbelinie. Prominentes Ziel sind dabei Vereine der Männer-Fußballbundesligen. Zwar erweisen sich viele der Bundesligisten aus Imagegründen weitgehendablehnend gegen entsprechende Versuche der Vereinnahmung, aber es gibt Ausnahmen, die die Bundeswehr gern als Pilotversuch nutzt.
Gemeint sind Hannover 96, der Hamburger Sportverein und der Zweitligist Hertha BSC. Fangen wir bei Hannover 96 mit dem Präsidenten und Hörgerätehesteller Martin Kind an seiner Spitze an.
Schon seit Jahren fällt Martin Kind durch besonders militärfreundliche Gesten auf. So finden seit Jahren die Neujahrsempfänge der 1.Panzerdivision in der AWD-Arena (dem Fußballstadion Hannovers) statt und wirbt die Bundeswehr für sich und den freiwilligen Wehrdienst mit ganzseitigen Anzeigen im (allerdings wenig zielgruppenrelevanten) Stadionmagazin. Im März 2011 verteilte Martin Kind am Rande eines Spieles gegen Mönchengladbach gelbe Schleifen – dem von bundeswehraffinen Gruppen herausgegebenen Symbol für Solidarität mit der „Truppe im Fronteinsatz“. Kind maßte sich an, in diesem Zusammenhang für alle Fans von Hannover 96 die Unterstützung für Kriegseinsätze auszusprechen- Er nannte dies: „für ein friedliches Miteinander“ werben.
Die Ursache dieses staatstragenden Verhaltens lässt sich am Einfachsten mit dem Versuch des nahezu allein herrschenden Präsidenten Martin Kind erklären. Er möchte Männer-Fußball aus dem (scheinbaren) Schmuddelimage in die Mitte der Gesellschaft befördern. Bei so viel Entgegenkommen sagt die Bundeswehr natürlich gern Danke. Über den Vermarkter von Hannover 96 Sportfive schaltet die Bundeswehr seit Beginn der Saison zunächst in der Pause während der Fußballspiele massiv Werbung auf LED-Leucht-Werbetafeln; auf der zentralen Anzeigetafel zeigt sie martialische Werbespots. Als es darauf kaum Widerspruch gab, ging sie noch einen Schritt weiter: Die Werbung ist jetzt auch während des Spiels zu sehen, nicht nur in den nationalen Wettbewerben, sondern auch bei europäischen Spielen, so geschehen gegen die polnische Mannschaft Slask Wroclaw. Außerdem ist die Bundeswehr seit Sommer 2012 nun „official Supplier“ der 96er. Damit setzt die Vereinsführung konsequent ihren militärfreundlichen Weg fort. Ähnlich agiert der Hamburger Sportverein. Ebenso wie die vorgestellten anderen Vereine von Sportfive mit potentiellen Sponsoren versorgt, darf die Bundeswehr sich „Supplier“ nennen, von Widerspruch dagegen ist wenig zu hören.
Gehen Hannover und Hamburg den Weg gemeinsam mit der Bundeswehr eher schleichend und leise, hat es die Bundeswehr in Berlin noch leichter. Hertha BSC, das an einem historisch schwer belasteten Ort, dem Berliner Olympiastadion, spielt, wirft sich seit Sommer 2011 förmlich an die Bundeswehrbrust. Euphorisch werden die gemeinsame Partnerschaft gefeiert und Freikarten an Soldaten verteilt, war die Bundeswehr gar „Sponsor of the day“, was ihr zusätzliche Aufmerksamkeit bescherte. In der Partnererklärung heißt es: „Die Bundeswehr und Fußball – und speziell das Team von Hertha BSC das passt in sehr vielen Bereichen mehr als gut zusammen. Tradition, Zusammenhalt, Teamgeist, Durchsetzungsstärke und Fairness verbinden uns in allen Bereichen und auf unterschiedlichen Ebenen.“ Laut TAZ vom 20.07.2012 sponsert die Bundeswehr nicht nur Hertha sondern auch den Lokal Rivalen Union Berlin. 2012 kaufte die Bundeswehr für 31.000 Euro Bandenwerbung beim FC Union und für 127.000 Euro bei Hertha.
Allerdings scheint mit dem Abstieg des Berliner Nobelclubs Hertha auch das Interesse an der Partnerschaft erloschen zu sein, still und leise verschwand die Partner-Werbung von der Homepage. Dafür unterstützt die Bundeswehr jetzt als Förderer den Berliner-Fußball-Verband.
Klar ist: Die Bundeswehr will die hohe Popularität des Männer-Fußballs ausnutzen. Gezielt wirbt das Militär bei Jugendlichen mit gemeinschaftlichem Erleben und Emotionen. Hauptziel der Kampagne dürfte aber eher sein, dass Image der Bundeswehr aufzubessern und sich als ganz normale Arbeitgeberin und Werberin zu präsentieren. Sicher wird mit der gezielten Bandenwerbung noch nicht das Ende der Bundeswehr-Werbemaßnahmen im Männer-Fußball zu erwarten sein. Kommt kein ausreichender Widerspruch werden sicher bald Infostände oder andere Merchandising-Aktionen, auch bei anderen Vereinen folgen.
Von Seiten der Fans kommt bisher wenig bis gar kein Protest. Allenfalls in Internetforen wird Unbehagen ausgedrückt. Zumindest für Hannover dürfte eine Ursache die momentan stattfindenden Zerschlagung der organisierten Fanszene sein. Schwerer wiegt jedoch die zunehmende Entpolitisierung der Fankurven. Hinzu kommt sicher dass die Friedensbewegung wenig bis gar nicht in Fankulturen verankert ist.
Wenn den aktuellen Versuchen nichts entgegengesetzt wird, wird es schwer werden, das Militär wieder aus den Stadien zu verdrängen. Dort hat es aber nichts zu suchen – genauso wenig wie an Schulen.

erschienen in Zivilcourage 01/2013

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